Der österreichische Derbysieger im Pedigree

MS Dreamer gewinnt die 128. Auflage des „Blauen Bandes”

Nach unserem Dafürhalten ist das Österreichische Traber Derby, erstmals gelaufen im Jahr 1884, gemeinsam mit dem im gleichen Jahr gelaufenen ungarischen Pendant das älteste seiner Art in der Geschichte des Trabrennsportes. Dies spiegelt natürlich auch die damalige führende Bedeutung dieses Sportes in der K&K Monarchie Österreich-Ungarns wieder. Und auch 128 Jahre später hat das Derby nach wie vor eminente Wichtigkeit als prestigeträchtigstes Rennen im Leben eines österreichischen Trabers bzw. auch dessen Besitzers, Trainers, Fahrers, Züchters, etc.
Im heurigen „Blauen Band” stand mit Four Roses Venus eine Stute eindeutig in der Favoritenrolle, die die Vorbereitungsrennen deutlich beherrschte. Möglicherweise waren es gewisse Umstände (ein Fehlstart, hohe Temperaturen in Wien), die die Tarport-Goal-SL-Tochter scheitern ließen, sie galoppierte hinter dem Startauto und war sofort disqualifiziert. Hingegen matchten sich Lutin G (Wilhelm Loderer) und MS Dreamer (Michael Schmid) um die Führung, dahinter bekam Edo Venus (Gerhard Biendl) an der Innenkante ein Rennen auf Abwarten serviert. Letzterer attackierte im Schlussbogen, da ging es allerdings gegen Lutin G (v. Dream Vacation) nur mehr um den Ehrenplatz, denn MS Dreamer hatte sich zwischenzeitich zu einem deutlichen Erfolg verabschiedet. Das genaue Ergebnis findet sich hier.

MS Dreamer Construction

MS Dreamer und Michael Schmid eilen einem überlegenen Triumph im Derby entgegen. Dahinter sieht man innen die drittplatzierte
Lutin G (8) sowie den daneben angreifenden Edo Venus. Ganz im Hintergrund die Bauarbeiten zur neuen Wirtschaftsuniversität.
www.pferderennfoto.at

Wir wollen allerdings vorrangig den Zuchtaspekt beleuchten. Schien für das heurige Derby der erste Züchtersieg für KR Johann Hochstaffl und seinem (Züchterchampion)-Stall Venus aufgrund der vorab favorisierten Four Roses Venus bzw. auch Edo Venus schon „angerichtet”, so wurde es (noch) nichts daraus. Hingegen konnte der langjährige Züchter (und Amateurfahrer) Josef Maier dank MS Dreamer (MS steht für „Maier Sepp”) schon seinen vierten Derby-Zuchttitel erringen, dies nach Mac Donald (Dardanelli – Mocci Gal – L.M. Rodney) im Jahr 1981, Lucky Joe (Advokat – Elysee S. – Wulf) 1987 und Super Joie (Joie de Vie – Elysee S. – Wulf) 1995.
Hochstaffl konnte sich damit trösten, dass sein Deckhengst Edu's Speedy, 2012 erstmals Championhengst in Österreich, mit MS Dreamer und Edo Venus die zwei erstplatzierten Pferde im Derby stellte, eine wahrlich nicht alltägliche Sache. Edu's Speedy stellte an diesem Renntag mit Bonet Venus zudem den Sieger im „Derby der Amateure”, dem Holzwarth-Memorial, sowie mit dem in 1:14,1 erfolgreichen Sedus einen der absoluten Aufsteiger des Jahres, nicht nur aufgrund seines bisherigen Rekordlaufes auf der neuen Krieauer Bahn in 1:13,2 über 1600 Meter.
Edu's Speedy war ein absolutes europäisches Ausnahmepferd. Der 1993 in Finnland gezogene Hengst gewann in seinem Heimatland u.a. das Derby, in Schweden u.a. den Jubiläumspokal, wurde nach Österreich verkauft und startete im Jahr 2000 im Prix d'Amérique, leider etwas glücklos. Insgesamt trabte der Hengst bei 100 Starts, 54 Siegen und 32 Platzierungen rund 890.000 Euro ein, in der Rangliste der gewinnreichsten Finntraber nimmt er hinter Passionate Kemp, Louise Laukko, Houston Laukko, Brad de Veluwe und Baron Pepper den sechsten Rang ein.

Edu's Speedy 2013 01

Edu's Speedy im Jänner 2013 im heimatlichen Stall Venus in Ledenice bei Budweis. Der nunmehr 20-jährige Hengst präsentiert sich körperlich topfit, seine Fertilität ist hingegen leider etwas angeschlagen. Im Gestüt hofft man, mit Gefriersamen wie auch mit Natursprung noch viele Stuten nach dem Champion trächtig zu bekommen.     Foto: Stall Venus

Edu's Speedy deckte erstmals 2001 in Österreich, aus seinem ersten, nur sechs Pferde umfassenden Jahrgang stammte die Jahrgangsprima Lucy Diamond mit 65.700 Euro an Gewinnen. Durch seinen zweiten Platz im heurigen Derby ist nunmehr Edo Venus mit Gewinnen von 67.240 Euro gewinnreichster Nachkomme seines Vaters, der über Vermittlung von Josef Maier schließlich in den Besitz des Stalles Venus gelangte. Über 57.000 Euro hat Derbysieger MS Dreamer bislang eingetrabt.
Betrachten wir also dessen Pedigree (u.a. auch hier):

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Enorm viel Speedy-Crown-Blut ist anzutreffen, einerseits über die Vaterlinie, andererseits über die Mutterstute. Deren Vater Southwind Pinnacle, ein
152.000-Dollar-Jährling und in Finnland Vater von Cold Hard Wind (1:10,7 – 625.000 EUR), ist ein Sohn von Valley Victory aus einer Speedy-Crown-Stute, deren Mutter eine Tochter des Speedy-Crown-Sohnes Homesick. Es ergibt sich also ein 4x6x4x4-Inbreeding auf den Champion der US-Traberzucht, in weiteren Generationen ist freilich auch genügend Star's Pride-Blut vorhanden.
MS Dreamer weist etwa 3% französisches Blut auf, dies aufgrund der Mutterlinie von Edu's Speedy, in der man den französischen Granden Fandango sieht. Der Rest ist allerdings US-Blut, dies trifft in ausschließlicher Form auf die Mutterinie zu, sicherlich ein Prachtstück im Pedigree des Derbysiegers. Es ist die Linie der 1866 geborenen Belle, später wurde diese auch als die ihrer Urenkelin Nowaday (*1895) bekannt. Diese maternale Linie setzte erst in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts zum Siegeszug über die Traberwelt an. Man notierte die deutsche Derbysiegerin 1954, Vielliebchen, und deren kapitalen Sohn Vinci. In Nordamerika kann wohl zweifelsfrei die 1956 geborene Expresson (und vor allem deren Tochter Exciting Speed) als ultimative Explosion dieser Mutterlinie gelten. Exciting Speeds Sohn Bonefish, Hambletoniansieger 1975, punktuell superber Deckhengst (Sea Cove!) und genialer Muttervater (u.a. Moni Maker, Valley Victory, Viking Kronos, Supergill, Winky's Gill, Almost An Angel, Traffic Jam, für Österreich der zehnfache Stallion-Champ Awesome Goal oder auch Speed Sailing), machte hier den Anfang, es folgten Pferde aus dieser Linie wie die ebenfalls im Hambo erfolgreichen Giant Victory und Tagliabue, Bonefishs rechter Bruder Cheetah, der in Deutschland als Deckhengst einschlug, Pferde wie Grand-Circuit-Gesamtsieger Kosar, US/Italo-Star Uconn Don, Elitlopp-Sieger From Above, der in Österreich erfolgreiche Deckhengst November, oder auch US-Millionäre wie Elusive Desire und Armbro Chronicle.
MS Dreamer war der erste Nachkomme seiner Mutter Top Quality, 2010 und 2011 fohlte sie ebenfalls Hengste nach Edu's Speedy namens MS Ramazotti und MS Avalon. Seine zweite Mutter, die Amerkanerin Top Ten, wurde nach Finnland exportiert und brachte dort sechs Nachkommen, von denen Golden Grip (v. Duran Hanover) mit über 50.000 Euro an Gewinnen am erfolgreichsten war. Danach holte Josef Maier die Stute, trächtig von Victory Play, nach Österreich, daraus resultierte der gutklassige Scooby Doo mit ebenfalls knapp über 50.000 Euro an Einkommen. Ein Jahr später kam dann mit Top Quality die Mutter des Derbysiegers zur Welt, gleichzeitig letztes Fohlen ihrer Mutter. Die Verbindung von Top Quality zur vorhin erwähnten Expresson? Top Quality geht über Top Ten und deren Mutter Prize Record auf die 1953 geborene Stute Record First (v. Hoot Mon) zurück, eine Halbschwester zu Expresson, bei weitem aber nicht so erfolgreich mit ihren Nachkommen. 
Abschließend sei noch ein Wort zu MS Dreamer selbst gesagt. Der Wallach soll laut Trainer Mats Strandquist, der ja auch für die Vorbereitung des vorjährigen Derbysiegers Arnie's Way AD bis kurz vor dem Rennen verantwortlich zeichnete und der mit seinem Bruder laut aktueller Ausgabe von „Travronden” eine schwedische Trainingszweigstelle bei Jägersro betreiben wird, im Herbst voraussichtlich in den schwedischen Rennbetrieb eingreifen. Es wird interessant zu beobachten sein, wie sich diese ausgezeichneten Blutlinien im wichtigsten nordeuropäischen Traberland schlagen werden.

Svensk MS Dreamer

Auszug aus Schwedens Fachblatt „Travronden”. Chefredakteur Claes Freidenvall schreibt von einem schwedischen Derbysieger, womit der Anteil seines schwedischen Trainers gemeint ist ...     © Travronden




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