Elitloppet 2017 – Warum war Bold Eagle geschlagen?

Wir haben verschiedene Meinungen eingeholt

BOLD EAGLE TIMOKO1

Im Prix d’Amérique hatte Timoko (blau-schwarz) stets das Nachsehen gegenüber Bold Eagle. Im Elitloppet drehte er den Spieß um.
Foto: Gerard Forni

Vorerst rekapitulieren wir kurz diesen historischen Sonntag in Solvalla. Bold Eagle schockte die Traberwelt in seinem Vorlauf mit einem unfassbaren Rekordlauf von 1:08,4 über 1609 Meter, Nuncio gewann seinen Heat in vergleichsweise „langsamen” 1:10,1. Für das Finale waren dann auch alle Weichen für Bold Eagle gestellt, der mit einer Quote von 13:10 ins Rennen ging. Doch trotz eines keineswegs schlechten Rennverlaufs kam Bold Eagle schon im Schlussbogen ins Stocken, während der von Björn Goop in sensationeller Weise an die Spitze gesteuerte Timoko ebendort torpedohaft bescheunigte und seinen zweiten Elitloppet-Sieg – in Rennrekord-Zeit von 1:09,0 – einfuhr. Hinter den Amerikanern Propulsion und Resolve blieben für die Vorlaufsieger Bold Eagle und Nuncio bloß die Plätze vier und fünf.

Ungläubiges Staunen am Rennplatz. Was war passiert?

Die ersten durchaus verständlichen Reaktionen waren in etwa jene: 
– Bold Eagle ist kein Pferd für zwei Heats
– Franck Nivard hätte keineswegs im Rekord-Vorlauf diese Zeit von seinem Pferd verlangen müssen

Unser schwedischer Freund Prof. Ulf Lindström fand unmittelbar nach dem Rennen folgende Erklärung (ohne von den späteren Reaktionen von Fahrer und Besitzer zu wissen):
–  „Bold Eagle hat wahrscheinlich einen einzigartigen Methabolismus, einen, der die Energie in die Geschwindigkeit für maximal 4 Minuten verwandelt, danach braucht er drei bis vier Wochen, um neue Energie zu akkumulieren. Wir werden ihn nie wieder in einem Zwei-Heat-Rennen sehen. Bold Eagle mag auch eine Herz-Lungen-Kapazität wie seinerzeit der Galopper Secretariat haben, oder vielleicht 75% größer als durchschnittliche Pferde, dies ist aber etwas, das nicht an Nachkommen zu vererben ist. Somit ist es nicht sicher, dass Bold Eagle ein Spitzendeckhengst wird.”

Unser deutscher Freund, Tierarzt Dr. Manfred Wegener, der ebenfalls vor Ort in Solvalla war, sieht die Sache anders:
– „I
ch war genauso sprachlos wie 99,9 Prozent aller anderen Zuseher über Boldies ziemlichen Einbruch im Finale – anders kann man es nicht bezeichnen, für einen, der auszog, alle das Fürchten zu lehren, was er ja im Vorlauf in einer Manier getan hat, wie ich sie noch nie zuvor gesehen hatte – außer von Mack Lobell 1988. Aber das war im Finale!
Genau das mag der Knackpunkt gewesen sein. Vielleicht war Franck Nivard, der, wenn überhaupt, wie Trainer Sébastien Guarato bislang nur ganz wenige Zwei-Heat-Rennen bestritten hat (in Frankreich gibt's solche Art Rennen ja  nicht – überhaupt nur in italien, 3 Mal in Schweden –Elitloppet, Aby Stora Pris, Sprintermästaren –, und auch Deutschland hatte am Tag des Hamburg Grand Prix zwei Jahre lang mal wieder eins. Selbst in den USA als Mutterland dieser Rennen gibt's nur noch zwei), im Vorlauf einfach zu übermütig.
Niemand zwingt Nivard, den ich im übrigen für einen begnadeten Fahrer halte, dazu, im Vorlauf die Zaumklappen herunter- und die Zugwatte aus den Ohren zu ziehen – für den offensichtlich immer etwas phlegmatischen Bold Eagle das Zeichen zum Sturm. Es sei denn, Nivard hatte wirklich Angst, er könnte gegen Delicious und Resolve den kürzeren ziehen (diese Frage kann uns allein er beantworten). Ansonsten hätte er sich das Muskelspiel besser fürs Finale aufsparen sollen.
Das ziehen von Klappen und Watte als eine art „kickdown” (bei Boldie: wehe, wenn er losgelassen) hat natürlich auch – von Pferd zu Pferd verschieden – einen abstumpfenden Effekt, wenn man's zu oft macht. Weshalb es ja auch, wenn irgend möglich, unterlassen wird.
Ich weiß nicht genau, wann Guarato ihn erstmals mit diesen Zugklappen (in Schweden „Norweger-Zäumung”) ausstaffiert hat – im Amérique 2016 ist er jedenfalls noch „offen” gelaufen, allerdings mit Zugohren-Watte.
Ich fände es sehr einleuchtend, dass es für Bold Eagle eher ein „psychisches” Problem war, zumal er ohnehin lieber auf längeren Strecken unterwegs ist, Timoko hingegen die kurzen Distanzen liebt.
Dass die Kraftspeicher eines Pferdes nach zwei minuten Volldampf so restlos aufgebraucht sein sollen, dass er zwei Stunden später nur noch mit halber Kraft läuft, kann ich nicht glauben. Dafür wird insgesamt zu wenig Energie verbraucht (anders wäre es bei Distanzfahrten oder -ritten). Sollte es tatsächlich ein anatomisches oder physiologisches Problem sein, so kann das allein sein Umfeld, wenn überhaupt sehr aufwändig mit Atemgas-Analyse etc., feststellen. Das denke ich aber nicht.
Und dann muss sich sich mal veranschaulichen, über welches Problem eigentlich diskutiert wird: Timoko ist ja nun nicht in 1:12 nach Hause spaziert – es war mit blanken 1:09 das schnellste Elitloppet-Finale aller Zeiten, die letzten 500 meter wurden (wie übrigens in Boldies Vorlauf) in 1:07,8 durchfegt. Und der Matador musste diesmal in dritter Spur ein paar Meter mehr arbeiten …
Davon, dass er nie mehr in einem Zwei-Heat-Rennen zu sehen sein wird, kann zumindest für Pierre Pilarski keine Rede sein, wie er gestern (Dienstag) erklärte, dabei eine Lanze für Timoko gebrochen, ihm alle Referenz gezollt und Bold Eagle in Schutz genommen hat: „Wenn wir nächstes Jahr eingeladen werden, versuchen wir es wieder.” Ich denke, es ist allein ihm zu verdanken, dass Bold Eagle überhaupt im Elitloppet gestartet ist (im Gegensatz zu Ourasi) – Pilarksi war von Anfang an auf das Duell mit Nuncio aus.
Letzten Endes – und das ist das Beruhigende für alle andern – ist dieser Bold Eagle eben auch nur ein „Mensch” und schlagbar, wenn auch höchst selten.”

Letzte Replik von Ulf Lindström am 2. Juni 2017:
Meine Reflexionen zur Story über den Elitlopp waren reine Hypothesen, Spekulationen. Wir müssen bis zum Tag warten, wo - und wenn - von den Wissenschaftlern sein Status geprüft wird. Die Herzgröße könnte schon überprüft werden, wie zB in Newmarket mit Galoppern. Aber natürlich, die Besitzer von Bold Eagle wollen nicht das Risiko eingehen, um zu offenbaren, ob BE ein Herz wie Secretariat hat, da dies einzigartig und nicht erblich ist, soweit ich es verstehe.

Wie geht es weiter mit Timoko? Gerüchten zufolge wird der Franzose, der ab nächster Saison als Elfjähriger in seiner Heimat nicht mehr startberechtigt ist, nach Schweden zu Björn Goop überstellt und man wird versuchen, den All-Time-Gewinnrekord von Varenne (6.038.417 Euro) zu brechen (Timoko stand nach dem Elitlopp-Sieg bei 4.836.731 Euro). Aus dieser Sicht könnte es dann auch für Bold Eagle (augenblicklich 3.249.620 Euro) recht schwer werden, Timoko an Gewinnen einzuholen bzw. selbst gewinnreichster Traber der Geschichte zu werden. Aber wer weiß, vier erfolgreiche Wintermeetings in Paris-Vincennes inklusive Prix d’Amérique stehen dem Adler bei hoffentlich bleibender Gesundheit noch bevor …


2017_05

© Nikolaus Matzka 2013–2017