Daisy Hanover

Daisy Hanover Epitaph 1995

Epitaph von Daisy Hanover in Untersiebenbrunn, 1995
Foto: Nikolaus Matzka

Wie ein Zufall die österreichische Traberzucht veränderte

Wir schreiben das Jahr 1972. Eine Frachtmaschine aus New York mit (überlieferten) 26 Stuten an Bord landete in Wien, da das Wetter in Frankfurt keine Landung möglich machte. „Bestellt” hatte die Stuten der deutsche Traber-Grandseigneur Hans-Walter von Kolpinski (1931 bis 2001). Ein möglicherweise zweiter Zufall ermöglichte ebenfalls diesen Export, jener einer damals grassierenden Pferdekrankheit in den USA.

Aber werfen wir vorerst einen Blick auf fünf der Stuten im Flugzeug, die in Österreich bleiben sollten, darunter – alphabetisch – Albert's Flower (Florlis – Princess Victoria – Victory Song, geb, 1971, Mutterlinie: Mamie), Armbro Gleam (Victory Song – Magda Hanover – Hoot Mon, geb. 1963, Mutterlinie: Medio), Daisy Hanover (Speedy Count – Dainty Hanover – Hoot Mon, geb. 1969, Mutterlinie: Medio), Liddy Hanover (Ayres – Liberty Print – Rodney, geb. 1968, Mutterlinie: Maggie H.) sowie Sonata (Speedster – Ami Song – Victory Song, geb. 1967, Mutterlinie: Topsey (by Bashaw)). Vor allem auf Letztere hatte Ing. Roman Quidenus, zuhause in der Nachbarschaft des WTV-Gestüts Schönfeld, in dem die Stuten kurzfristig untergebracht waren, ein Auge geworfen, war sie doch eine Halbschwester des zu diesen Zeiten in den USA sehr erfolgreichen Songcan (v. Florican), doch das Rennen machte ein anderer Besitzer. So nahm Ing. Roman Quidenus aus Untersiebenbrunn im Marchfeld schließlich die Amerikanerin Daisy Hanover aus Hanover, Pennsylvania, mit nach Hause.

Pedigree Daisy Hanover 1
Daisy Hanover Studbook 1975

Erster Eintrag von Daisy Hanover im Österreichischen Geburtsregister, Jahrgang 1975

Der Rest ist österreichische Trabergeschichte. Während sich etwa die Nachkommen der Albert's Flower (die eine Halbschwester zu dem in Österreich erfolgreichen Deckhengst Proud Vic – v. Star's Pride – war) nie recht in Szene setzen konnten, sah dies bei Sonata und vor allem bei Armbro Gleam und Liddy Hanover schon ganz anders aus, aus diesen Linien folgten in den nächsten Generationen zahlreiche Zuchtrennsieger in Österreich.

Daisy Hanover 2005

Letzter Eintrag von Daisy Hanover im Österreichischen Geburtsregister, Jahrgang 2005

Doch den Vogel schoss mit Weile-Vorsprung Daisy Hanover ab. Zwar nahm sie in den ersten Jahren in ihrer neuen Heimat noch recht unregelmäßig auf (ihr Erstling Dona Vic kam 1975 zur Welt, es folgten Daily Vic 1978 und Dainty Vic 1981), doch spätestens ab den achtziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts gehörten die Zuchtrennen Österreichs ihr bzw. den Nachkommen ihrer Töchter. Es gab kein bedeutendes Rennen in Österreich, das nicht von den Nachkommen der Daisy Hanover gewonnen wurde!

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Daily Vic (*1978), Tochter der Daisy Hanover, Österreichisches Geburtsregister, Jahrgang 2011

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Dainty Vic (*1981), Tochter der Daisy Hanover, Österreichisches Geburtsregister, Jahrgang 2008

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Dream Qui (*1989), Tochter der Daisy Hanover, Österreichisches Geburtsregister, Jahrgang 2011
 
(Gewinne von Striking Actions nur bis
zu dessen Ausfuhr nach Frankreich, 
tatsächliche Gewinne: 488.024 Euro)

Dany Qui 1993

Dany Qui 1993 zehnjährig mit Gerhard Mayr in Baden.
Foto: Nikolaus Matzka

Dale Qui 1990

Dale Qui im Jahr 1990
mit Cornel Bürgler in Baden.
Foto: Nikolaus Matzka

Striking Actions 2009 06 2 1

Striking Actions 2009 mit Hugo Langeweg jun. als Sieger des Österreichischen Traber-Derbys ...
Foto: Eduard Risavy

Dazu soll bemerkt sein, dass der Erfolg von Daisy Hanover eng mit dem Gestüt Schönfeld verbunden ist. Die Stute brachte ihre ersten sechs Nachkommen von dem erwähnten Proud Vic, was ausgezeichnete Erfolge zeitigte, gipfelnd in dem im Jahr 1983 geborenen Derby-Zweiten Dany Qui, der es auf 107.629 Euro Gewinne brachte. Vor ihm brachte Daisy Hanover die Stuten Dona Vic, Daily Vic und Dainty Vic (sowie den ebenso erfolgreichen Wallach Didi Qui, erster Nachkomme mit der neuen „Qui”-Namensgebung), ebenfalls alle von Proud Vic. Nun gab es neben Proud Vic in Schönfeld den immer mehr alles überragenden Proven Freight (Hickory Smoke – Freight Pride – Star's Pride), der sich für die Proud-Vic-Stuten aus der Daisy Hanover geradezu ideal anbot. Und tatsächlich ergab gleich die erste dieser Zusammenführungen einen der besten österreichischen Traber bzw. Deckhengst der Neuzeit, Dale Qui. (Eine gute Illustration des schönen 3x3 auf Star's Pride im Pedigree von Dale Qui sieht man hier: http://www.blodbanken.nu/servlet/GetBBData?breed=warm&trotter=dale+qui – leider ohne Rekorde der Pferde...) Der Hengst gewann zwei- und dreijährig in der Hand des zu diesen Zeiten oftmaligen Champions Johann Scherber sämtliche Zuchtrennen, um vierjährig seine Laufbahn mit dem Derbysieg des Jahres 1988 zu krönen. Erste Verschleißerscheinungen aufgrund der harten Rennkarriere konnten dann beim „Flieger-Derby”, einer Revanche eben auf der Fliegerdistanz, bemerkt werden; völlig unerwartet musste sich Dale Qui dem Advokat-Sohn Our last Hope beugen, lief zwar hier seine Lebensbestzeit von 1:16,6 aus, doch der Sieger war in 1:16,2 an diesem Tag doch erheblich schneller. Dazu soll angemerkt sein, dass zu diesen Zeiten des österreichischen Trabrennsports diese 1:16,2 nationalen Rekord bedeuteten. Auch galt die 1100-Meter-Piste in der Krieau bis zu ihrem Umbau im Jahr 2012 als vergleichsweise langsam.

Dale Qui wurde nach dieser überraschenden Niederlage eine Pause von fast einem Jahr gegeben, er wechselte Besitzer wie Trainer (damals ging auch die jahrelang erfolgreiche Zusammenarbeit zwischen dem Gestüt Quidenus und Johann Scherber zu Ende) und kam in der Hand von Cornel Bürgler im Juni 1989 wieder an den Ablauf, nunmehr in schwerster erster internationaler Garnitur. Nach drei Platzierungen schoss er mit dem Gewinn eines Einsatzrennens in Baden um damalige 400.000 Schilling einen weiteren Vogel ab, dies war auch der Beginn einer Siegesserie von sechs Erfolgen en suite in der Kurstadt. Dale Qui versuchte sich anschließend mit Heinz Wewering in München-Dagfing, blieb dabei aber außerhalb der Geldränge und konnte auf der Meilendistanz auch seinen Rekord nicht mehr verbessern. In Wien langte es dann noch zu einem Sieg und guten Platzierungen, doch dieser Erfolg am 10. Dezember 1989 sollte der letzte in der tollen Karriere des Hengstes gewesen sein. Sechsjährig trat er noch mit Cornel Bürgler und Konrad Spaderna an, dann nach über einem Jahr Rennpause probierte man mit dem Schwarzbraunen noch einen Start mit Erich Kubes (er sollte als damals zweitgewinnreichster Traber Österreichs noch den vor ihm liegenden Mon Bijou übertreffen), doch vor allem permanente Rückenprobleme machten eine weitere Karriere unmöglich.

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... sowie 2011 mit Dominik Locqueneux am Tag seines Rekordlaufes in Solvalla.
Foto: Gerard Forni

Der Proven-Freight-Sohn, bester Nachfahre seines Vaters in Österreich, wurde zu einem guten Deckhengst und brachte von 1992 bis 2011 exakt 143 österreichische Nachkommen, darunter Pferde wie Bardolino Real 1:14,3, Struwelpeter 1:13,5, Chacy BMG 1:15,0, Maserati 1:15,1, Tutanchamon 1:16,0 oder die Derbyzweite Orchidee 1:15,0. Auch als Muttervater war er erfolgreich, seine Tochter Elegance Real brachte den Derbysieger Kaka 1:12,1 (v. November) sowie den guten Ronaldinho 1:13,0 (v. General November), seine Tochter Virgina Lady den ausgezeichneten Jazz Real 1:12,9 (v. Supergill).

Einen weiteren Stallion aus dieser Mutterlinie sah man in Sweep-Sleep (v. Crown Sweep a.d. Daisy-Hanover-Tochter Dainty Vic), Derbydritter von 1994, der innerhalb kurzer Zeit erstaunliche Erfolge als Deckhengst mit Nachkommen wie De Boss SP 1:14,8, Franky SP 1:15,3, Yankee SP 1:15,7, Frodo SP 1:16,8 und „Geldschrank” Präsident SP 1:15,1 aufweisen konnte, diese Pferde gezeugt zwischen 2001 und 2004 und allesamt in den Jahrgangsrennen mitmischend.

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Dokument des Höhepunkts einer Mutterlinie in Österreich.

Der Erfolgsrun der Traber aus der Linie der Daisy Hanover hielt auch in den folgenden Jahren an, wenngleich man unter den Traberleuten Österreichs schon einmal hören konnte, dass die Linie im Laufe der Jahrzehnte ausgedünnt sei und keine großen Höhepunkte mehr zulasse. Wie um diese Behauptung Lügen zu strafen, setzte die Mutterlinie mit dem im Jahr 2005 geborenen Striking Actions ein weiteres, absolutes Highlight. Der Hengst wurde von Dr. Kurt Kirchberger gezogen, wobei es um seine väterliche Abstammung einige Gerüchte gab, die besagten, dass nicht Oaklea Bluejay sondern Striking Sahbra der Vater des Pferdes sei. Doch diese Gerüchte wurden seitens der Zentrale für Traberzucht zerstreut, auch mit dem Hinweis auf eindeutige DNA-Analysen. Wie auch immer, Striking Actions war das herausragende Pferd seines Jahrgangs, wurde an den niederländischen Stall Vibelzee verkauft und gewann für diesen mit Hugo Langeweg junior das Derby des Jahres 2009 in überlegener Manier und bis heute gültigem Rennrekord von 1:15,2 über 2300 Meter. Vibelzee veräußerte den Hengst nach einer Durststrecke nach Frankreich, wo er sich zu ungeahnten Höhen aufschwang. Er gewann ebendort hochdotierte Rennen gegen gehobendste Garnituren, lief seinen Rekord von 1:10,1 in Solvalla im Finale des Sweden-Cups und kratzte hart an der 500.000-Euro-Gewinngrenze. In letzter Zeit war es sehr ruhig um den Hengst, nach zwei dis.-Formen im Herbst 2012 war sein Comeback-Rennen der Prix Jamin am 12. April in Vincennes, wo er gegen Gegner wie die drei erstplatzierten Soleil du Fosse, Quinoa du Gers und Partout Simoni, aber auch gegen die platzierten Texas Charm, The Best Madrik sowie Reve de Beylev auf verlorenem Posten stand und mit Franck Nivard „weitab” landete. Weitere Gerüchte besagten, dass der Hengst wieder nach Österreich verkauft worden sei, dies ist bislang jedoch unbestätigt. Dennoch ist die weitere Zukunft des Hengstes mit Spannung zu verfolgen, auch was einen möglichen Einsatz als Deckhengst betrifft. 

Zurück zum „Gründer” der Linie der Daisy Hanover in Österreich, Ing. Roman Quidenus. Er trat in den letzten Jahren züchterisch sehr viel leiser, war viel öfter auf dem Golfplatz als auf der Rennbahn anzutreffen und behielt sich aus „seiner” Linie nur die 2008 geborene, rekordlose Uronometro-Tochter Bounty Qui aus der Diana Qui (v. Larabello), diese wiederum zurückgehend auf Dona Qui, ihrerseits Erstling der ersten Daisy Hanover-Tochter Dona Vic. Bounty Qui besitzt einen Jährlingshengst und ein Stutfohlen nach Algiers Hall. Daran kann man erkennen, wie in diese rein amerikanische Linie einiges an „europäischem” Blut einfloss (Larabello besitzt über 82% Franzosenblut, Uronometro immerhin noch 13%. Die großen Erfolge dieser Linie wie eben Striking Actions oder Dale Qui bestanden freilich zu 100% aus US-Blut.

Wie eben auch die Amerikanerin Daisy Hanover, die vor über 40 Jahren den Weg nach Österreich fand und die hiesige Zucht zweifelsohne revolutionierte. 1995, also auch schon fast wieder vor 20 Jahren, brach sich Daisy Hanover in Untersiebenbrunn auf der Koppel ein Bein und musste eingeschläfert werden, Roman Quidenus setzte ihr mit einem schönen Grabstein ein würdiges Andenken. Ihr Nachlass wird für alle Zeiten in der österreichischen Traberzucht einen großen Platz einnehmen.


Sweep-Sleep 1994

Sweep-Sleep (Franz Konlechner) wurde zu einem effektiven Deckhengst, ...
Foto: Nikolaus Matzka

Präsident SP

... sein Sohn Präsident SP
gewann über 86.000 Euro.
Foto: Eduard Risavy

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© Nikolaus Matzka 2013–2023