121. Deutsches Traber-Derby in Berlin

Ein Blick auf das Pedigree der zwei Derbysieger inklusive einer Überraschung

Das Finale zum trotto.de 121. Deutsches Traber-Derby um 275.692 EUR am 7. August in Berlin-Mariendorf kann zuerst einmal unter dem Begriff Favoritensterben eingeordnet werden. Von den vier vom wettenden Publikum auserkorenen besten Chancen sprang sich Geronimo T (Dennis Spangenberg) am Start um alle Chancen, Dreambreaker (Michael Nimczyk) sowie Fiobano (Thorsten Tietz) kamen über die Ränge fünf bzw. sechs nicht hinaus, nur der knapp favorisierte Orlando Jet (Rudolf Haller) war mit einem feinen Endspurt zum Ehrenplatz zur Stelle, den Sieger konnte er allerdings nicht gefährden. Gut dabei waren auch noch die Außenseiter Mr Shorty (Thomas Panschow) und Muscle Boy As (Gerhard Mayr), wobei Letzterer das Pech hatte, mindestens die letzte Halbe den galoppierenden Comanche Moon (Torbjörn Jansson) vor sich zu haben, den er im EInlauf auch noch umkurven musste, was vermutlich zumindest Rang drei kostete. Der Siegerscheck ging diesmal an ein norwegisches Konsortium, das niederländische Parade-Duo Paul Hagoort als Trainer sowie Robin Bakker als Fahrer heimste einen großen Erfolg mehr ein; Österreich war mit den Rängen zwei und vier so stark vertreten wie noch nie im deutschen Blauen Band, die verbleibenden Prämien, von denen die achte nicht ausbezahlt werden musste, gingen nach Deutschland.

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Muscle Scott und Robin Bakker siegen im 121. Deutschen Traber-Derby   Foto: Nikolaus Matzka

Bei den Stuten war die Favoritenstellung hingegen gegeben. Im Eduard Winter Deutsches Stuten-Derby (110.898 EUR) behielt die ungeschlagene Gilda Newport ihre weiße Weste zu Toto 13:10 mit ihrem Trainer Dion P. Tesselaar, dies in mehr als überlegenem Stil. Die auf dem zweiten Platz einlangende, ebenfalls vom Niederländer Peter ter Borgh gezogene Gamine Newport (Michael Nimczyk), zog sich wie die noch größere Außenseiterin Stonewashd Diamant (Gerhard Biendl) auf Rang drei noch ganz gut aus der Affäre. Im Gegensatz zu den Hengsten blieben bis auf eine Ausnahme alle Gelder der Dotation in Deutschland, Marion Jauß freute sich mit Gilda Newport („Sie hat keine Grenzen…”) über einen weiteren big point ihrer glorreichen Besitzerkarriere.

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Das Stuten-Pendant sicherten sich in toller Manier Gilda Newport und Dion P. Tesselaar   Foto: Nikolaus Matzka

Fantastische Rennrekorde seitens Muscle Scott von 1:12,5 im Derby sowie 1:12,9 von Gilda Newport im Stuten-Derby über die 1900-Meter-Distanz waren zu verzeichnen. Rund 10.000 Besucher in Berlin-Mariendorf freute es.

Die Pedigrees:

Muscle Scott

Muscle Scott   www.pedigreematching.com

Muscle Scotts Vater Muscle Mass, ein rechter Bruder zu dem auf Hanover Shoe Farms deckenden Hambletonian-Sieger Muscle Massive, versieht seine Arbeit (wieder) auf Tara Hills Stud im kanadischen Ontario und ist dort ausgebucht. Der Derbysieger besitzt ein herrliches Pedigree mit einem engen 3x3-Inbreeding auf den Mutterstuten-Giganten Pine Chip, über seinen Muttervater Defi d´Aunou bringt er etwa 10% französisches Blut ins Pedigree. Muscle Scotts Mutter What a Spirit brachte zuvor schon den schnellen Diamond-Way-Wallach Way Scott 1:12,8, der Derbysieger (Züchterin ist die Niederländerin Cornelia Schotte van der Blink, die überglücklich im Winner Circle anwesend war) ist mit Gewinnen von nunmehr über 140.000 Euro aber natürlich der bislang klar gewinnreichste Nachfahre seiner Mutter, die heuer einen zweijährigen Hengst nach Make It Happen besitzt. Die zweite Mutter, die von Arnold Mollema importierte Amerikanerin Pine Spirit, kann sicherlich als züchterische Wundertüte angesehen werden. Sie wurde Mutter gleich zweier deutscher Derbysieger – Unforgettable 1:09,9 v. Diamond Way im Derby 2005 sowie Expo Express 1:11,4 v. Expo Bi 2014 –, zudem solch guter Pferde wie Yankee Elmo 1:12,1 v. Freiherr As und Flashback 1:13,6 v. Expo Bi. Durchaus erwähnenswert ist auch, dass sowohl der Großvater von Muscle Scott, Muscles Yankee, als auch seine Mutter What a Spirit aus derselben Mutterlinie stammen.

Gilda Newport

Gilda Newport   www.pedigreematching.com

Womit wir bei der angekündigten Überraschung wären. Denn auch der zweite Derbysieger dieses Wochenendes, Gilda Newport, ebenfalls in den Niederlanden für den deutschen Markt gezüchtet, stammt aus der Mutterlinie der Kit (von Pioneer), einer US-Stute, die in den 50er- oder 60er-Jahren des 19. Jahrhunderts geboren wurde und desöfteren als die ihrer Ur-Ur-Enkelin Mary Thomas S (1907) bezeichnet wird. Tatsache ist, dass diese Mutterlinie erst ab der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts erfolgreich wurde, wie diese Tabelle sehr gut beweist. Ab dann wurde es interessant, wenn auch nicht in großer Dichte, und zwar vorerst mit einem Giganten der Rennbahn wie auch in der Zucht, Rodney (*1944), Urgroßvater von Speedy Crown. Weiter ging es in den 70ern mit der Stute Modern Yankee, Mutter des Deckhengstes Smokin Yankee. 1997 betrat dann ein Zweijähriger die Rennbahn, der dieser Mutterlinie den finalen big push geben sollte, Muscles Yankee, eines jener Zuchtphänomene eines Valley-Victory-Sohnes aus einer Speedy-Crown-Stute der neunziger Jahre. Muscles Yankee war der erste Hambletonian-Sieger (1998) dieser Mutterlinie, es folgte Yankee Paco im Jahr 2000. Muscles Yankee wurde zu einem bis heute durchschlagenden Deckhengst und zeugte seinerseits drei Hambo-Sieger, 2008 Deweycheatumnhowe, 2009 Muscle Hill und 2010 Muscle Massive, Zweitgenannter augenblicklich das Maß aller Dinge als Vererber. Die Mutterlinie blieb auch danach mit Trabern wie den Doppel-Dollarmillionären Plesac und Sand Vic erfolgreich, desweiteren mit Pilgrims Taj, Bold And Fresh sowie Knows Nothing.

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Hanover Shoe Farms Vizepräsident Dr. Paul F. Spears   
Foto: Nikolaus Matzka


Gilda Newport, die bislang der klar erfolgreichste Nachkomme ihrer Mutter ist (zwei rechte Geschwister zuvor hatten bislang keinen Erfolg, danach brachte Color Schemes zwei Produkte nach Abano As zur Welt), geht zu 100% auf amerikanisches Standardbred-Blut zurück, ihr Vater ist der auf Hanover Shoe Farms mit enormen Erfolg deckende Donato Hanover. Da passte es nur zu gut, dass Hanovers Vizepräsident, Dr. Paul F. Spears, vor Ort weilte – die Farm sponserte ein Rennen und stellte der Derby-Auktion zwei Freisprünge von Muscle Massive und Sebastian K. zur Verfügung.
Die Derbysiegern weist ein 4x4-Linebreeding auf Valley Victory auf, dazu insgesamt 11(!) Kreuzungen auf Speedy Crown. Sie und Muscle Scott treffen sich in der Mutterlinie bei der 1958 geborenen Hoot Yankee, die sechs weibliche Nachkommen besaß, die allesamt einen enormen Einfluss auf die Traberzucht hatten. Von ihrer Tochter Tochter Brazen Yankee (*1965 v. Hickory Pride) führt der Weg zu Gilda Newport, ihre Tochter Petite Yankee (*1964 v. Hickory Smoke) zeigt den Weg zu Muscle Scott.
Kurz noch ein Wort zu den Muttervätern der Derbysieger. Während Defi d´Aunou dahingehend gerade einmal 12 große Sieger stellt, ist der um sechs Jahre jüngere Dream Vacation als Pine-Chip-Sohn in dieser Eigenschaft schon einigermaßen erfolgreicher.

Abschließend noch ein kurzer sidestep. Insgesamt war dieser Berliner Sonntag vor allem für den österreichischen Stall Team Neuhof um Owner Walter Bauer enorm erfolgreich. Zuerst gewann sein Italiener Stark Bi (über sein Pedigree ist in diesem Artikel zu lesen) die erste Auflage des Berlin-Jägersro Super Trot-Cup 2016 (70.000 EUR) in erstaunlichen 1:12,8 über 2500 Meter, im Derby war wie erwähnt Orlando Jet der runner up, beide Hengste sahen Rudi Haller, der Stark Bi 2012 in Mailand für Bauer ersteigerte, als Trainer und Fahrer. Bauer und sein Team fuhren mit über 100.000 Euro an Gewinnen nach Österreich zurück.

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Stark Bi und Rudi Haller   Foto: Nikolaus Matzka



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© Nikolaus Matzka 2013–2017